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Überfällig – Werkschau der Quedlinburger Expressionistin Dorothea Milde

Überfällig – Werkschau der Quedlinburger Expressionistin Dorothea Milde

Am 2. Juli, um 15 Uhr eröffnet das Gleimhaus Halberstadt eine längst überfällige Retrospektive der Quedlinburger Grafikerin Dorothea Milde. Seit dem Tod der Künstlerin im Jahr 1964 wird ihr künstlerischer und schriftlicher Nachlass im Gleimhaus aufbewahrt. Damals wurde eine nur kleine Ausstellung gezeigt. Seither wurde der Bestand lediglich dann und wann beachtet, obgleich in der Region das Interesse an der Künstlerin stets wach geblieben ist und obgleich die hohe Expressivität ihrer Blätter den Betrachter förmlich anspringt, sobald nur die Schubladen aufgezogen werden, in denen sie lagern. Die Bedingungen für eine Ausstellung sind überaus günstig, wenn wie in diesem Fall ein Nachlass geschlossen erhalten ist und somit aus dem Vollen geschöpft werden kann. Eine besondere Gunst der Stunde führte während der Ausstellungsvorbereitung zudem den Fund eines Koffers mit Lebensdokumenten herbei, wenngleich nicht auf dem buchstäblichen Dachboden, sondern im Keller des Haupterben und Testamentsvollstreckers der Künstlerin.

Die Werkschau „Harzwölfin – Die Quedlinburger Expressionistin Dorothea Milde (1887-1964), die nun nach eingehender Erschließung des künstlerischen Werks wie auch des Schriftgutes präsentiert wird, dürfte in ihrer Breite nichts zu wünschen übrig lassen.

1910 kam Dorothea Milde nach absolviertem Zeichen- und Turnlehrerinnen-Examen aus ihrer Heimatstadt Breslau an das Lyzeum nach Quedlinburg. Eine künstlerische Sternstunde erlebte sie bald darauf, als sie nachts aus dem Fenster ihres Stübchens in der Altstadt auf die Gasse blickte, den ‚alten Klopstock‘, das Haus, das einst einem Vetter des Dichters gehört hatte, schräg gegenüber. Mit der atmosphärisch aufgeladenen Zeichnung „Stille Gasse“, die dabei entstand, hatte sie gleichsam aus dem Nichts ihr erstes Meisterwerk geschaffen. Gleich zwei Leitmotive ergaben sich daraus für ihr weiteres Schaffen: historische Baulichkeiten und Altstadtwinkel als Bildgegenstand sowie außerdem die Dunkelheit, die zugleich traulich und schicksalsträchtig erscheint. Bald trat die Landschaftsdarstellung gleichgewichtig neben das Architekturbild.

Mildes Landschaften sind gezeichnet von intensivem Miterleben. Der Sturm und der Regen gehörten zu ihren Lieblingsmotiven, sowie der Weg und vor allem der Baum. Damit fand sie Ausdrücke für Seelendramen und Metaphern für den Stand des Einzelnen zur Gemeinschaft. Gerade in ihrem späteren Schaffen reagierte sie dabei unmittelbar auf seelische Nöte. Unwillkürlich verließ sie künstlerische Konventionen und gelangte zu einem ungegenständlichen Expressionismus.

Vielfach gingen Mildes künstlerische Anliegen mit denen des Wandervogels einher, dem sie angehörte, so im Naturerlebnis, in der Zivilisations- und Gegenwartskritik sowie im Bestreben nach gesellschaftlicher Erneuerung.

Dorothea Milde war von schwerem Gemüt und verschlossenem Wesen. Ihr Lebensweg ist von zwei Weltkriegen, von Schicksalsschlägen und Konflikten geprägt, die zu vermeiden oder befrieden sie kein Talent hatte. Ihre fundamentale Erfahrung war Einsamkeit. Einsam wie der Steppenwolf, gedrückt von dem daraus folgenden Leid, aber auch beseelt vom Glück der Selbstbesinnung wanderte und zeichnete die Künstlerin in den Wäldern des Harz, insbesondere um Friedrichsbrunn, wo sie sich eine Wochenendwohnung eingerichtet hatte. Ihre weiteren Reviere waren die Lüneburger Heide, die Moorlandschaften Niedersachsens sowie die Nordseeküste.

Das Jahr 1920, in dem sie sich von ihrem Lehramt hatte beurlauben lassen, verbrachte sie in Einsamkeit und erfuhr bei gesteigertem inneren Erleben einen kreativen Schub. In einer seelischen Krise mit Mitte Dreißig kulminierte ihre Kunst und kam sodann völlig zum Erliegen. Ihr umfangreiches Werk ist in kaum fünfzehn Jahren der künstlerischen Tätigkeit entstanden. Mit Anfang 40 musste sie wegen Schwerhörigkeit in den Ruhestand treten. Sie siedelte außerhalb der Stadt und erfand sich als Hundezüchterin völlig neu.

Die Ausstellung ist zu sehen bis zum 25. September. Begleitend erscheint eine Monografie im Mitteldeutschen Verlag, Halle, die auch die streitbaren Züge und Abgründe im Wesen der Künstlerin mit einbezieht.

©Gleimhaus, 13.06.2022

© Jeannette Schroeder E-Mail

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