Bitte Abstand halten!

[(c): Gerd Altmann auf Pixabay]

Liebe Leser, eigentlich wollte ich diesen Beitrag „Vom Glücksgefühl, den heißen Atem zu spüren“ nennen, aber dann haben mich zwei Dinge abgehalten: 1. Ich wusste nicht, ob die Ironie daran deutlich wird und
2. Ich hatte Zweifel, ob diese Überschrift eventuell absolut missverständlich gedeutet werden könnte und so eine Art Blog ist das hier wirklich nicht!!!

Worum es geht, ist mangelndes Diskretionsvermögen. Natürlich sind die Daten, mit denen ich oben, am Auskunftsplatz, hantiere nicht so datenschutzbedürftig wie die, die bei der Ausleihe und Rückgabe aufgerufen werden, und natürlich habe ich im Prinzip auch nichts zu verbergen, während ich eine Recherche für einen Leser durchführe, aber ich fühle mich trotzdem ziemlich unwohl, wenn dieser mir dabei die ganze Zeit über die Schulter starrt und sein Gesicht spürbar wenige Zentimeter neben meinem Ohr versucht, den PC mittels mimischer Drohgebärden zu einem schnelleren und/oder besseren Ergebnis zu bewegen. Ich brauche nicht unbedingt seinen Atem zu hören (oder – wie gesagt – zu spüren), um zu wissen, dass er lebt: Wenn er vor meinem Schreibtisch steht, kann ich das auch gut sehen. ;-)

Ich weiß ja nicht, wo Ihre persönliche „Wohlfühlgrenze“ liegt – das Ausmaß an Nähe, die Ihnen einfach zu viel wird, wenn sie von Fremden ausgeht – aber bei mir ist das so: Hätte ich gewollt, dass ein sprechendes Lebewesen auf meiner Schulter platznimmt, wäre ich Pirat geworden und nicht Bibliothekarin.
Da meine Fluchtmöglichkeiten auch nicht allzu üppig sind, wenn ich von hinten bedrängt werde und vorn schon an den Schreibtisch stoße, im ständigen Bestreben den Abstand wenigstens einige Zentimeter zu erweitern, ist meine einzige Chance der freundliche Hinweis darauf, dass ich so nicht vernünftig arbeiten kann. Dass die Reaktionen darauf durchaus auch verständnislos ausfallen können, kann ich wiederum nicht so richtig verstehen, schließlich sage ich dabei nicht "arrrrrrrbeiten" und halte mir ein Auge zu: Ehrlich! Ich schwöre es: Keine Piratenanspielungen - obwohl es sich echt anbietet ...
Aber nein, ich bleibe wirklich sachlich ... Und es ist doch so: Es wird die Recherche weder beschleunigen noch qualitativ bereichern, wenn man mir über die Schulter schaut. Der prüfende Blick hat keinen Einfluss auf die Ergebnisse der Suche. Aber wenn ich – angetrieben von einer Panikattacke – meinen Arbeitsplatz verlasse, könnte es sein, dass die Suchanfrage unbeantwortet bleibt … dauerhaft …
Zum Glück sind bei weitem nicht alle Leser so „kontaktfreudig“ und viele halten von sich aus den nötigen – und damit meine ich den angemessenen – Abstand. Sie müssen nicht per „Armlängentest“ feststellen, ob der Abstand noch reicht – eine Schreibtischbreite ist vollkommen ok ;-)
Wie Sie das am besten messen können? Ganz einfach: Bleiben Sie doch besser gleich vor dem Schreibtisch stehen und warten Sie ab. In der Regel habe ich die richtige Literatur auch schnell gefunden. Und in den wenigen Fällen, in denen es tatsächlich sinnvoller ist, wenn Sie selbst einen Blick auf die Treffermenge werfen, bitte ich Sie schon von ganz allein, einmal herum zu kommen und (mit)zulesen.
Ansonsten gilt: Bitte Abstand halten, ich klettere ja auch nicht in Ihre Handtasche oder Ihren Rucksack, wenn Sie dann nach Hause gehen wollen ;-)

© Maria Schmidt E-Mail

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