Bibliothekarische Superkräfte und ihr Kryptonit

[(c): John Hain auf Pixabay]

Wenn Leser nach stundenlanger verzweifelter Suche mit den Tränen kämpfend und völlig aufgelöst das freundliche Angebot „Info“, das über meinem Schreibtisch prangt, in Anspruch nehmen und ich dann ohne auch nur eine Sekunde anzuhalten den richtigen Gang wähle, das entsprechende Regal anvisiere und mit einem einzigen Griff das gesuchte Buch herausziehe, bekommen sie manchmal große Augen.
Wie ich das jetzt so schnell gefunden haben könne, wollen sie wissen. Ob ich etwa wisse, wo jedes einzelne Buch in der Bibliothek steht, fragen sie manchmal. Einige versuchen sich zu entschuldigen, sie hätten sicherlich die falsche Brille auf, wenn das jetzt so einfach gewesen wäre.
Aber auf das naheliegendste kommen sie in der Regel einfach nicht: Das ist eben meine Superkraft … und die meiner Kollegen … oder ok – um ehrlich zu sein – es ist einfach eine Frage der Übung. Wenn jemand ein Buch von – sagen wir mal – Jojo Moyes sucht und ich jede Woche ein anderes Buch dieser Autorin ins Regal lege, dann ist doch klar, dass ich quasi blind an die richtige Stelle navigieren kann.
Selbst bei Büchern weniger häufig gelesener Autoren bleibt es doch dabei, dass sie entsprechend unserer alphabethischen Ordnung, die bei ständiger Anwendung in Fleisch und Blut übergeht, nur an dieser einen bestimmten Stelle stehen können.
Natürlich „trainiert“ man sich gewissermaßen auch einen „Experten-Blick“ an, sodass ich auch in Regalen, zwischen denen ich nicht so häufig unterwegs bin (z. B. im Regionalbestand), relativ zügig die gewünschten Medien finde. Aber da muss ich eben auch schauen, das kann schon mal 0,3 Sekunden dauern. Es kommt einfach viel cooler rüber, wenn man super lässig mit einem Griff ohne groß hinzugucken das richtige Buch in der Hand hält. Das wirkt einfach mehr nach Superkraft.
Umso ärgerlicher ist es, wenn bibliothekarische Superschurken diese Kraft zerstören: FAMIs und Assistenten! Unter dem Deckmantel der „Bestandspräsentation“ haben sie eine Geheimwaffe entwickelt, die sie „Rücken, Räumen, Schieben“ nennen und deren primäres Ziel Verwirrung stiften ist. Da werden die Bücher von diesem Regelaboden auf den nächsten geschoben, hier ein bisschen mehr zusammen, dort etwas aufgelockert und schon setzt sich das über die verschiedenen Reihen so lange fort, bis K. Hotowetz einen ganzen Gang weiter hinten steht. Da wird es plötzlich luftiger um N. Roberts und K. Gier, was fatale Konsequenzen für die Bücher weniger bekannter bzw. beliebter Autoren davor und dahinter hat. Und wenn dann einfach der komplette „Fantasy“-Bereich einen Gang nach hinten rutscht, steht man plötzlich mit dem Leser im Gepäck bei „Historisch“ und muss erklären: „Ups, da müssen wir noch eins weiter…“
Nicht, dass mich jemals ein Leser dafür gesteinigt hätte, wenn ich mich auch mal kurz orientieren musste. Aber es reduziert meine Coolness, meine Noblesse, ich komme dann einfach weniger erhaben rüber und wenn das Podest erst bröckelt, was wird dann aus Superlibrarian?

PS: Ratgeber zu Lebens- und Identitätskrisen finden Sie bei uns unter F123 und F 123.1  ;-)

PPS: Filme über Superhelden stehen unter Comicverfilmung, abgesehen von der „Mumie“n-Reihe, die steht unter Horror, aber da ist der Held bzw. eigentlich die Heldin wenigstens wirklich Bibliothekarin ;-)

© Maria Schmidt E-Mail

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