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Schätze für die Forschung

Aus diesen Gründen ist ein Berliner im Museum Heineanum unterwegs

[(c): Sabine Scholz, Volksstimme]

Zu wenig Platz – ein Fakt, den fast alle Museen in der Welt kennen. Auch das naturwissenschaftliche Museum in Halberstadt kämpft mit diesem Problem. Doch was sich in den (über)vollen Depoträumen des Heineanums findet, dient immer wieder der wissenschaftlichen Arbeit.
„Für vergleichende Untersuchungen sind Wissenschaftler weltweit auf Museumssammlungen wie die hier in Halberstadt angewiesen“, sagt Jürgen Fiebig. Den wissenschaftlichen Mitarbeiter am Museum für Naturkunde in Berlin führt derzeit eben solch eine Forschungsarbeit in verschiedene Häuser, die Vogelpräparate ihr eigen nennen.

Im Senckenberg-Museum Frankfurt, in Köthen und nun auch in Halberstadt sucht er nach Exemplaren bestimmter Gattungen, unter anderem interessiert er sich für Alk-Vögel. Die sind nicht in Mitteleuropa heimisch, sondern in Polargebieten zu finden. In Europa zum Beispiel auf den Färöer-Inseln oder Island. Fast alle brüten auf Felsinseln. „Der bekannteste Vertreter der Alk- Vögel ist vermutlich der Papageientaucher“, sagt Fiebig.

Ein Papageientaucher auf dem Bahnhof

Er gibt damit Rüdiger Becker ein Stichwort für eine Anekdote. Während Präparator Detlef Becker ein besonderes Präparat heraus sucht, erzählt der Heineanums-Chef, dass ein Papageientaucher-Exemplar in der Sammlung einen ungewöhnlichen Fundort hat:

Halberstadt. „Genauer gesagt, der Bahnhof in Halberstadt“, berichtet Becker. In den 1970er Jahren fand ein Angestellter der Bahn einen erfrorenen Papageientaucher auf dem Bahnhofsgelände.

„Der Vogel war aus einem Holztransport gefallen, der aus Sibirien kam“, so Becker. Der Bahn-Mitarbeiter übergab das Tier dem Heineanum, es wurde präpariert und gehört seither zur Sammlung.

Diese Sammlungen sind nichts, was einfach nur aufgehoben wird und langsam verstaubt.

„Für die Forschung haben solche Sammlungen eine dauerhafte Bedeutung. Das zeigt sich exemplarisch daran, dass man hier zum Beispiel bereits ausgestorbene Arten findet, die so manches Detail preisgeben können, wenn man sie mit heute modernen Methoden untersucht“, sagt Fiebig.

Gigantische Verantwortung der Museen

Der Berliner verweist unter anderem auf Feingewebeuntersuchungen, die heutzutage möglich sind und so wichtige Fragestellung
lösen helfen. Aber auch die einfache optische Untersuchung kann bei Fragestellungen, die Vergleiche verschiedener Arten oder Unterarten erfordern, wichtig sein und wesentliche Erkenntnisse liefern. „Es ist eine gigantische Verantwortung, die Museumsleiter
weltweit tragen, um diese Schätze für die Zukunft zu bewahren“, sagt Fiebig.

Angesichts des Artensterbens werde diese Verantwortung der naturwissenschaftlichen Sammlungen wohl eher größer als kleiner werden. Es ist eine Verantwortung, der sich das Team im Heineanum stellt. Wobei Rüdiger Becker nicht müde wird zu betonen, dass „solch eine herausragende Sammlung, die immer wieder Überraschendes preisgibt“, nicht allein in den Händen einer Stadt liegen kann und sollte. „Für solch eine wissenschaftlich bedeutsame Sammlung, wie sie hier zu finden ist, sind auch Land und Bund mit verantwortlich“, sagt Rüdiger Becker.

Historischer Erstnachweis

Derweil hat „sein“ Präparator Detlef Becker einen Tordalk aus denMagazinschränken geholt. Es ist ein altes, schon etwas ramponiertes Exemplar, das er da in den Händen hält. „Es handelt sich hierbei um den Erstnachweis solch eines Alken-Vogels für Sachsen“, sagt Rüdiger Becker.

Der Vogel ist im 19. Jahrhundert in Mosel, heute ein Ortsteil von Zwickau, auf dem Friedhof gefunden worden. So steht es auf dem Holz, auf das das Präparat einst montiert wurde. Dass es heute in Halberstadt lagert, ist mehr oder weniger einem Zufall zu verdanken. Es stammt aus einer privaten Sammlung und wäre fast auf dem Müll gelandet.
„Viele Nachfahren von Sammlern können kaum überblicken, welche Bedeutung die Stücke haben könnten“, sagt Rüdiger Becker. Deshalb ist nun Halberstadt in Sachsen- Anhalt halt auch ein Bewahrer sächsischer Naturgeschichte, zumindest eines kleinen Teils.

In der Kulturgeschichte hat die Stadt ja ebenfalls einige Verbindungen mit Sachsen, zum Beispiel über das Wirken von Berend Lehmann. Der Halberstädter Jude war im 18. Jahrhundert unter anderem für den Sachsenkönig August den Starken tätig.

Jürgen Fiebig war für seine aktuelle Forschungsaufgabe gerade im Freistaat Sachsen, in Dresden, wie er berichtet. Nun also ist er in Halberstadt. Das Heineanum kennt er. Nicht nur, weil der Museumsdirektor mal ein Kollege in Berlin war, sondern weil das kleine Haus mit seiner großen Sammlung unter Fachleuten bekannt ist. Unter anderem wegen der Typusexemplare, die sozusagen die „Vorlagen“ für bestimmte Vogelarten sind.
Die braucht Fiebig zwar nicht, aber einige andere der im Heineanum aufbewahrten Bälge sind wichtig für seine Arbeit. Genaueres will er noch nicht verraten. Nur so viel ist ihm zu entlocken, dass auch ein bekannter britischer Ornithologe in diese Forschungsfrage involviert ist.

Sabine Scholz - mit freundlicher Genehmigung der Halberstädter Volksstimme, 17.03.201

© Jeannette Schroeder E-Mail

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