Besser als im Film: Gespräche am DVD-Regal

[(c): Stadtbibliothek Halberstadt]

 

Am Info-Platz bekommt man – zwangläufig, auch wenn man es nicht darauf anlegt (obwohl ich das wiederum auch nicht mit Bestimmtheit dementieren könnte) – häufiger Gespräche zur DVD-Auswahl mit. Hin und wieder ist es ganz witzig, „unsichtbar“ und regungslos am Platz zu verharren und den Entscheidungs- und Suchprozess zu beobachten.
Wichtiger Hinweis:  Wenn man mich fragt, helfe ich gern beim Suchen, die Auswahl sollten Sie besser selbst treffen, immerhin habe ich auch nicht jeden Film gesehen und dann ist da ja noch das Problem mit den verschiedenen Geschmäckern …

Aber zurück zum Thema – weshalb es manchmal witzig ist, sich das Schauspiel anzusehen: Da gibt es Ehepaare, bei denen die Frau sich einen „so schönen Film“ aussucht, während der Mann – mit ihrer Handtasche bewaffnet – still auf dem Stuhl vor dem OPAC geparkt wird. Meist drehen sich die Frauen zu ihrem Mann um und fragen: „Kennst du den? Der ist so schön!“ Das Augenrollen des Mannes scheint zu sagen: „Ja, ich kenne den Film, ich habe ihn aber erst 30 Mal mit dir angeschaut, daher kenne ich erst 40 % der Dialoge auswendig!“ Sein Mund antwortet aber: „Dann leih ihn dir aus, Schatz!“ Dann gibt es wiederum Paare, bei denen der Mann sich einen riesigen Stapel DVDs aussucht, während die Frau zwischen den Bücherregalen verschwindet und ihr, wenn sie sich vorn wiedertreffen, beiläufig sagt: „Ich habe heute auch mal was gefunden.“ Die Reaktionen der Frauen schwanken zwischen schlagfertig witzig und echt genervt. Paare, die über die Filmauswahl verhandeln, gibt es natürlich auch – manche schauen mich dabei direkt an, sodass schwer zu ermitteln ist, ob sie jeweils einen Unterstützer für ihre Argumente suchen, oder direkt vorhatten, meinen Arbeitsalltag durch etwas Entertainment aufzupeppen.
Aber dann gibt es ja noch meine persönliche Lieblingskombination: Eltern mit Teenagern.
Wie diese Gespräche verlaufen oder gar ausgehen, kann ich tatsächlich auch nach mehrjähriger Berufserfahrung nicht wirklich vorhersagen. Da gibt es Momente, in denen ich versuche unter irgendeinem Vorwand die Flucht zu ergreifen, bevor der Teenie detoniert (wegen der ganzen Blutspritzer, Gedärme und herumfliegenden Splitter). Manchmal versuchen Eltern, irgendwelche Erziehungstricks, im festen Glauben daran, dass diese noch irgendeine Wirkung erzielen könnten … und scheitern kläglich. Manche Gespräche sind hingegen sehr erheiternd, egal ob die Eltern (und damit meine ich eigentlich fast ausschließlich Väter, denn Mütter tun das bisher nur sehr selten) oder die Jugendlichen auf Kosten ihres Gesprächspartners zum Stand-up-Comedian mutieren. Und dann gibt es (zum Glück inzwischen immer häufiger) Gespräche auf Augenhöhe, die – zugegeben – aufgrund der am Gespräch teilnehmenden Hormone trotzdem immer das Potenzial haben, sich spontan in eins der anderen Gesprächsmodelle zu verwandeln … Also bleibe ich in solchen Situationen generell aufgeschlossen (es könnte immerhin eine Frage an mich gerichtet werden) und wachsam (mein Fluchtinstinkt).
So wurde ich einmal Zeuge folgender Unterhaltung: Ein Vater mit seiner ca. 13-jährigen Tochter. Papa schlägt einen Film vor – „Nein, langweilig!“ – ok, nächster Film – „Nein, zu blöd!“ – ok, nächster Film – „Nein! Kenn ich schon!“ – der Vater gibt nicht auf, sucht nun aber länger, er wird schon das Richtige finden. Aber dann! Dann findet Töchterchen selbst den richtigen Film „LOL! Den nehmen wir mit, der ist gut!“ „LOL?“, fragt der Vater etwas unsicher, ob er wirklich den Film mit großem pinken Schriftzug auf seine Karte ausleihen möchte, „Was soll das denn sein?“ „Das weißt du nicht, Papa?!“, lautete die geschockte Antwort. Das Entsetzen war dem Mädchen ins Gesicht geschrieben, sie hatte Mühe die Fassung zu wahren – verständlich, wie kann man im 21. Jahrhundert leben und noch nie ge“LOL“t haben? Aber als hilfsbereite und gebildete Tochter hilft man dem Vater ja gern weiter, wenn es um das Schließen elementarer Bildungslücken geht und so erläuterte sie ihm: „Das heißt ‚Lachen ohne Laut‘!“
Für mich, als Bibliothekarin und unbeteiligte Beobachterin der Situation heißt es: Haltung bewahren, an etwas super Ernstes oder Trauriges denken und erst nachher, wenn es keiner sieht, anfangen zu ROFLn ;-)

Kleines Verzeichnis der gebräuchlichsten Abkürzungen:
ASAP = „as soon as possible“ (zu Deutsch: so schnell wie möglich)
LOL = „laughing out loud“ (frei übersetzt „laut auflachen“)
OMG = „Oh my God“ (zu Deutsch „Oh mein Gott“)
ROFL = „rolling on floor laughing“ (frei übersetzt „sich kugeln vor Lachen“)
WTF = „What the Fuck“ (frei übersetzt: „Was zur Hölle?“)

© Maria Schmidt E-Mail

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