Zeitgenössische Musik im Harz
Erstmals gewinnt Halberstädterin die Orchesterwerkstatt in Halberstadt
Es ist bundesweit die einzige Möglichkeit für junge Komponisten, mit Profis über ihre Stücke zu reden und sie auch zur Aufführung zu bringen. Die Orchesterwerkstatt in Halberstadt bot auch in der 37. Auflage Überraschendes.
Wenn man denkt, über die jährliche Orchesterwerkstatt in Halberstadt sei genug geschrieben und alle Superlative für die in Deutschland einzigartige Arbeit mit jungen Komponisten seien bereits gesagt, dann war seine 37. Ausgabe ein aktuelles Upgrade.
Annette Schlünz, die Komposition am Conservatoire de Strasbourg unterrichtet, brachte es auf den Punkt: Für die renommierte Tutorin und Jurorin in Personalunion, war das diesjährige Treffen „eines der besten intensivsten und spannendsten ever“.
Vor allem zeigte sich die Komponistin, die seit zehn Jahren die Orchesterwerkstatt in Halberstadt aktiv mitgestaltet, beeindruckt von der Toleranz und der Offenheit, mit der sich die Teilnehmer über kompositionstechnische Aspekte und zu Fragestellungen zur Rezeption der Werke während des dreitägigen Treffens vom 18. bis 21. Mai austauschten. Es sei vor allem die Mischung aus experimentellen und tonalen Stücke, die die Werkstattarbeit so interessant gemacht habe. Eine Meinung, die der Komponist Joachim F. W. Schneider von der Hochschule für Musik Würzburg, erstmalig in Halberstadt dabei, unbestritten teilte.
Moderierte Uraufführungen der Werke junger Komponisten in Halberstadt
Die Wertschätzung des Kompositionswettbewerbs zeigt sich auch in der wiederholten Teilnahme der Kreativen. So nahm der Komponist von Instrumentalmusik und Multiinstrumentalist Leon Jonas Thieme (22) bereits zum fünften Mal an der Orchesterwerkstatt teil, gefolgt von Arthur Johann Fiedler (17), der zum dritten Mal nach Halberstadt gekommen war.
Höhepunkt der Orchesterwerkstatt, die seit 1990 in Zusammenarbeit mit dem Landesmusikrat Sachsen-Anhalt und der Stadt Halberstadt realisiert wird, ist das vom Publikum mit Spannung erwartete Abschlusskonzert – ein „echter Höhepunkt des Theaterjahres“, wie Johannes Rieger, Generalmusikdirektor und Intendant des Harztheaters, sagte. Durch das Programm führte Annette Schlünz, die sowohl den Preisträger als auch die wichtigsten musikalischen Charakteristika der jeweiligen Komposition vorstellte.
Hier zeigte sich ein weites Spektrum der tonmalerisch verarbeiteten Themen, von persönlichen Befindlichkeiten (Mariya Sergienko) bis hin zu Umweltphänomen wie in „Melting“ von Tabea Knoll (16). Die aus Frankfurt/Main stammende junge Komponistin übersetzte das Abschmelzen der Polkappen in einprägsame Töne.
Halberstädterin gewinnt Andreas-Werckmeister-Preis
Und noch etwas zeichnet die wertschätzende Zusammenarbeit der jungen Komponisten mit den Profis des Harztheaters aus: Nach dem Erklingen ihrer Stücke bedankte sich jeder Komponist per Handschlag beim Konzertmeister der Harzer Sinfoniker.
Für die größte Überraschung des Vormittags sorgte Mariya Sergienko (15). Die Schülerin der Freiherr-Spiegel-Sekundarschule war die erste Halberstädterin, die an der Orchesterwerkstatt im vierten Jahrzehnt ihres Bestehens teilnahm. Der Andreas-Werckmeister-Preis der Stadt Halberstadt wurde in diesem Jahr geteilt: Oberbürgermeister Daniel Szarata übergab ihn an Mariya Sergienko, und Yvonne von Löbbecke, Vorsitzende des städtischen Kulturausschusses und Geschäftsführerin des Philharmonischen Kammerorchesters Wernigerode, an Felix Kampermann (15) aus Dresden.
Den Preis der Deutschen Orchesterstiftung erhielt Tabea Knoll (16) aus der Hand von Bernd Scheide, stellvertretender Orchestervorstand der Harzer Sinfoniker. Mit dem Preis des Kuratoriums Stadtkultur wurde der Münchener Jakob Altmann (21) geehrt. Dieser Preis, der zugleich einen Kompositionsauftrag für das Harztheater beinhaltet, wurde durch GMD Johannes Rieger vergeben. Dieser Preis ist des Weiteren das Entree-Billett für das Impuls-Festival für Neue Musik Sachsen-Anhalt, das in Kalbe/Milde stattfindet.
Ein besonderes Highlight ist die Kooperation mit dem Sorbischen National-Ensemble, das eines der Werke für eine Aufführung in der Spielzeit 2026/27 auswählt.
Text: Renate Petrahn
Fotos: Holger Wegener
