Erinnerungen an den Breiten Weg

Ausstellung Erinnerungen an den Breiten Weg ©Stadtmarketing

Erinnerungen machen Orte lebendig. Hier erzählen Halberstädterinnen und Halberstädter ihre ganz persönlichen Geschichten vom Breiten Weg – von Kindheitserlebnissen, besonderen Begegnungen und Momenten, die bis heute in Erinnerung geblieben sind.

In den Räumen der Sparda-Bank (Breiter Weg 26) kann die Ausstellung aller Texte und vieler Bilder noch bis Ende Juli besucht werden: dienstags & donnerstags 9 - 13 & 14 - 18 Uhr.

 

 

Zwischen Bücherregalen und Begegnungen

von Gudrun Veckenstedt

Wenn ich heute an den Breiten Weg denke, dann erinnere ich mich an einen lebendigen Boulevard mit vielen Menschen, Straßenbahn und Autos. Für mich war der Breite Weg immer ein Ort der Begegnungen.

Von 1969 bis 1971 habe ich meine Ausbildung zur „Buchhändlerin“ im „Bücherfreund“ auf dem Breiten Weg gemacht. Anschließend arbeitete ich dort und später auch in der Filiale gegenüber dem Landratsamt, in der neben Büchern auch Schallplatten verkauft wurden.

Wir hatten immer viel Laufkundschaft und auch Stammkunden. Früher wurde einfach noch sehr viel mehr gelesen als heute. Ich erinnere mich noch, dass wir einmal im Monat Bücher zusammengestellt und in Kisten an Großbetriebe geliefert haben. Unsere Vertriebsmitarbeiter haben sie dann dort an die Belegschaft verkauft.

Bis heute werde ich auf diese Zeit angesprochen. Viele ehemalige Kunden erinnern sich noch genau an unsere Buchhandlung. Besonders die persönliche Atmosphäre ist allen in Erinnerung geblieben. Menschen kamen nicht nur zum Einkaufen, sondern auch zum Austauschen und Erzählen.

Ein unvergesslicher Moment ist für mich außerdem die große Feier zum 1.000-jährigen Stadtjubiläum. Der Breite Weg war voller Menschen und überall war etwas los. Es war eine tolle Atmosphäre.

Für mich bleibt der Breite Weg bis heute ein Ort voller Erinnerungen, Geschichten und besonderer Begegnungen.

 

 

Ein Stück Kindheit auf dem Breiten Weg

von Alexander Wolff

Wenn ich heute an den Breiten Weg denke, dann fühlt es sich an wie eine kleine Reise durch meine Kindheit und Jugend. Ganz besonders erinnere ich mich an die vielen Besuche bei Wyludda. Dort habe ich damals voller Begeisterung CDs gekauft. Schon das Stöbern war ein Erlebnis – überlegen, welche Musik als Nächstes mit nach Hause darf, die Cover anschauen und sich riesig freuen, wenn man endlich die gewünschte CD in den Händen hielt. Musik war damals eben noch etwas Besonderes.

Oft habe ich auch meine Mama beim Modeexpress abgeholt. Und weil auf dem Breiten Weg immer so viel los war, durften wir für sie Werbeflyer verteilen. Für uns Kinder fühlte sich das fast wie eine wichtige Aufgabe an. Zwischen all den Menschen unterwegs zu sein, mittendrin im bunten Treiben der Stadt – das hatte irgendwie etwas Aufregendes.

Schon als Kind bin ich außerdem auf dem Breiten Weg zum Friseur gegangen. Während mir mein „schickes Popper-Schwänzchen“ geschnitten wurde, saß ich am Fenster und beobachtete die Menschen draußen. Für mich war das fast spannender als das Haareschneiden selbst. Auf dem Breiten Weg gab es schließlich immer etwas zu sehen.

Und davor war er schon mein täglicher Schulweg zum Paulsplan. Besonders an den Markttagen erinnere ich mich noch genau an den Bäckerwagen aus Gröningen, der kurz vor dem Roland Kaufhaus stand. Dort arbeiteten zwei ältere Damen, und dienstags und freitags habe ich mir fast immer ein Stück Bienenstich gekauft. Allein der Duft von frischem Kuchen und Gebäck ist bis heute irgendwo in meiner Erinnerung geblieben.

Eine Erinnerung ist mir aber ganz besonders im Herzen geblieben: Kurz nach der Wende wurden meine Eltern und ich auf dem Breiten Weg von einem fremden Mann aus Goslar angesprochen. Er freute sich so sehr über die Wiedervereinigung, dass er mir unbedingt etwas schenken wollte. Gemeinsam gingen wir in ein Geschäft, und ich durfte mir ein kleines aufziehbares Auto aussuchen. Das Besondere daran: Beim Fahren sprühten hinten richtige Funken heraus.

Für mich war das damals natürlich das Größte überhaupt. Aber heute weiß ich, dass es eigentlich um viel mehr ging. Um diese besondere Zeit voller Hoffnung, Freude und Herzlichkeit zwischen Menschen, die sich vorher nie begegnet waren.

Wenn ich heute an den Breiten Weg denke, dann erinnere ich mich nicht nur an Geschäfte oder Straßen. Ich denke an Musik, an Bienenstich, an Friseurbesuche, an Flyer in Kinderhänden und an ein kleines Funken sprühendes Auto, das bis heute für ein großes Gefühl steht: die Freude über das Miteinander.

 

 

Vom Kindheitsort zum Zukunftsprojekt

von Siegrun Ruprecht

Der Breite Weg war für mich schon seit Kindertagen ein ganz besonderer Ort voller Leben, Erinnerungen und kleiner Rituale – vom Einkaufen mit meiner Mutter über Besuche im Stadtcafé bis hin zu späteren Wegen mit den eigenen Kindern.

Später wurde der Breite Weg für mich nicht nur zu einem Ort persönlicher Erinnerungen, sondern auch zu einem Teil meines beruflichen Alltags. Kurios ist, dass wir davon überzeugt waren, der Straßenraum mit seiner einzigartigen städtebaulichen Struktur und Architektur auf der Südseite stünde unter Denkmalschutz. Erst mit der geplanten Umgestaltung stellte sich heraus, dass es der Breite Weg nicht auf die Denkmalliste geschafft hat, obwohl er es durchaus verdient hätte.

Der Planungsprozess war etwas für uns besonderes und neues. Wir haben erstmals gemeinsam mit den Nutzern geplant, das sind die Gewerbetreibenden, Eigentümer, Veranstalter, aber besonders die Besucher. Was kann die Halberstädter hinter dem Ofen hervor- und auf den Breiten Weg locken? Denn eines war klar, die Dichte an klassischen Läden wird es nicht mehr geben. Während eines Samstagsspaziergangs mit allen Interessierten, mit Ideenkästen in verschiedenen Läden, über Post und persönliche Besuche, mit Projektarbeit in Schulen wurden monatelang Ideen gesammelt. Sehr schnell kristallisierte sich die Idee heraus, Angebote für Spiel und Bewegung, aber auch für Entspannung und Geselligkeit zu schaffen. So entstand das Konzept, das in der Gläsernen Werkstatt öffentlich diskutiert, mitgestaltet und durch den Stadtrat beschlossen wurde.

Dann wurde es konkret: Tiefbauer und Landschaftsplaner planten detailliert die Ausführung und die Finanzierung aus Fördermitteln konnte beantragt werden. Von Beginn an sorgten wir uns um die Anpassung an veränderte klimatische Verhältnisse. D das heißt, es müssen Bäume, Wasser und ein Regenwassermanagement her. Aber auch die Barrierefreiheit ist ein Gebot der Zeit, Stufen mussten verschwinden – auch zum angrenzenden Wohngebiet. Die „unsichtbaren“ Leitungen, auch für die umweltfreundliche Fernwärme sollten bei der Gelegenheit verlegt werden. Unser Konzept hat auch die Fördermittelgeber überzeugt.

Was ist eigentlich schwieriger? Ein Projekt zu planen und Fördermittel zu beschaffen oder die Halberstädter zu begeistern? Während der Bauzeit – bereits in meinem Ruhestand – vernahm ich immer wieder Stimmen der Unzufriedenheit, angefangen bei einem angeblich zu tief liegenden Kellerlichtschacht, über die lange Bauzeit, Umwege für die Kunden und Umsatzeinbußen bis hin zu nörgelnden, teils lautstarken Kommentaren im Sportverein und Drogeriemarkt über den Unsinn, den „die Stadt“ verzapft. Das macht mich ein wenig traurig, waren doch gerade diese Menschen im Vorfeld und während des Baus zur Mitwirkung eingeladen.

Doch nun ist es endlich so weit. Die Arbeit der Entwickler, Planer und Bauleute, die Mühen von Stadtrat und Verwaltung, können sich sehen lassen. Der Breite Weg ist neu, modern, schön und für alle Bürger und Gäste benutzbar.

Ich freue mich – und ihr euch hoffentlich auch.

 

 

Ein Abenteuerland mitten in Halberstadt

von Jeannette Schroeder

Wenn ich heute an den Breiten Weg denke, sehe ich nicht zuerst Geschäfte oder Häuser. Ich sehe meine Kindheit. Ich sehe mich als kleines Mädchen voller Neugier über das Pflaster laufen, die Schaufenster bestaunen und mit großen Augen durch die Einkaufsstraße ziehen. Für uns Kinder war der Breite Weg damals ein kleines Abenteuerland mitten in Halberstadt.

Ganz besonders gern erinnere ich mich an das „Bummi“. Dort gab es ausschließlich Kindersachen zu kaufen – Kleidung und all die kleinen Dinge, die Kinderaugen leuchten lassen. Doch das Allerschönste war die große Rutsche. Wenn man oben im obersten Stockwerk angekommen war, konnten die Kinder einfach hinunterrutschen, während die Eltern die Treppe nehmen mussten. Dieses Gefühl von Freiheit, das Kribbeln im Bauch und das fröhliche Lachen dabei – das ist bis heute in meinem Herzen geblieben.

Und natürlich haben wir manchmal heimlich versucht, die Rutsche wieder nach oben zu laufen. Eigentlich wussten wir genau, dass das nicht erlaubt war. Aber gerade das machte es zu einem kleinen, aufregenden Geheimnis unserer Kindheit. Hauptsache, kein Erwachsener hat uns dabei erwischt.

Eine weitere Erinnerung trägt für mich ganz besonders viel Wärme in sich: die Weihnachtszeit auf dem Breiten Weg. Wenn die Lichter leuchteten und zwischen den Geschäften die Märchenfiguren aufgebaut waren, wurde die Straße zu einem Ort voller Zauber. Wir blieben oft lange davorstehen, schauten uns die Figuren an und erzählten uns gegenseitig die Geschichten dazu. Alles wirkte heller, ruhiger und irgendwie geborgener. Der Breite Weg war für mich nie einfach nur eine Einkaufsstraße. Er war ein Ort voller Begegnungen, voller kleiner Wunder und glücklicher Kindheitsmomente.

Heute erstrahlt der Breite Weg neu. Und ich wünsche mir von Herzen, dass die vielen Aufenthaltsmöglichkeiten, Spielbereiche und Wasserspiele genauso Kinder anziehen und begeistern werden, wie es der Breite Weg damals bei uns geschafft hat. Dass auch die Kinder von heute hier lachen, staunen, spielen und irgendwann viele Jahre später sagen können: „Das waren die schönsten Erinnerungen meiner Kindheit.“

Denn Orte verändern sich. Aber die Gefühle, die sie in uns hinterlassen, bleiben für immer.

 

 

Ein Streich aus einer anderen Zeit

von Mario Schroeder

Wenn früher auf dem Breiten Weg eingekauft wurde, dann sah vieles noch ein bisschen anders aus als heute. Vor dem „Bummi“ standen oft ganze Reihen von Kinderwagen. Die Eltern gingen kurz hinein, um Kleidung oder andere schöne Dinge für ihre Kinder zu kaufen, während der Nachwuchs draußen friedlich im Wagen saß. Damals war das ganz normal – und irgendwie vertraute man darauf, dass schon alles gutgehen würde.

Genau diese Situationen nutzten wir manchmal für unsere kleinen Streiche. Natürlich nie böse gemeint, sondern mit dem typischen Übermut, den Jugendliche eben haben.

Eines Tages entdeckten wir vor dem Bummi einen kleinen Jungen im Kinderwagen. Der saß ganz zufrieden da und hielt stolz seinen Apfel in der Hand. Für uns war sofort klar: Daraus musste ein kleiner Spaß werden.

Also schlich sich einer von uns vorsichtig heran, nahm dem verdutzten Knirps für einen kurzen Moment den Apfel aus der Hand, biss mit seinem „großen Gebiss“ herzhaft hinein und legte ihn dem Kind ganz unschuldig wieder zurück in die Hand. Anschließend verschwanden alle blitzschnell hinter der nächsten Ecke, natürlich kichernd und gespannt darauf, was wohl passieren würde. Wenig später kam die Mutter zurück, blickte auf den plötzlich angebissenen Apfel und schaute irritiert ihr Kind an, das wahrscheinlich selbst nicht verstand, wie dieser riesige Biss dort hineingekommen war. Hinter der Ecke konnten wir uns kaum noch vor Lachen halten.

Heute würde man über so einen Streich wahrscheinlich nur den Kopf schütteln. Aber damals gehörten genau solche kleinen Geschichten zum Leben auf dem Breiten Weg dazu. Sie erzählen von einer anderen Zeit – von Vertrauen, von Freiheit und von einer Jugend, die ihre Abenteuer direkt vor der eigenen Haustür erlebte.

 

 

Die schönste Rutsche der Welt

von Bettina Borth

Meine schönste Erinnerung an den Breiten Weg ist ganz klar das „Bummi“ mit seiner berühmten Rutsche.

Wir haben damals in Schlanstedt gewohnt und jedes Mal, wenn es nach Halberstadt ging – ganz egal ob mit Mama und Papa oder mit Oma und Opa – gab es für mich eigentlich nur ein Ziel: das Bummi. Ich glaube, ich hätte mich geweigert, wieder nach Hause zu fahren, ohne wenigstens einmal gerutscht zu sein.

Kaum waren wir dort angekommen, ging es los: Rutsche runter, Treppe hoch, wieder runter, wieder hoch – und das gefühlt endlos. Für mich war das damals das Größte überhaupt. Während die Erwachsenen wahrscheinlich einkaufen wollten, bestand mein persönlicher Einkaufsbummel hauptsächlich aus Rutschen.

Noch heute erinnere ich mich an dieses aufregende Gefühl oben an der Rutsche, bevor es wieder hinunterging. Das Lachen, die Freude und dieses herrlich unbeschwerte Kindergefühl sind bis heute geblieben.

Für viele war der Breite Weg eine Einkaufsstraße. Für mich war er damals vor allem der Ort mit der schönsten Rutsche der Welt. Und wenn ich heute daran zurückdenke, muss ich sofort lächeln. Denn manchmal sind es genau diese kleinen Dinge aus der Kindheit, die ein Leben lang im Herzen bleiben.

Der Breite Weg war eben nicht nur eine Einkaufsstraße. Er war eine Bühne für unzählige kleine Geschichten, die bis heute ein Schmunzeln ins Gesicht zaubern.

 

 

Musik zwischen den Häusern

von Bianca Feldheim

Eine meiner schönsten und gleichzeitig neueren Erinnerungen an den Breiten Weg entstand an einem Tag voller Musik, Lebensfreude und Gemeinschaft.

Damals hatte unsere Salsa-Gruppe zum ersten Mal einen „Rueda“ auf dem Fischmarkt getanzt. Die Stimmung war einfach unglaublich – überall lachende Gesichter, Musik und dieses besondere Gefühl, gemeinsam etwas zu erleben. Niemand wollte, dass dieser Nachmittag schon zu Ende geht.

Also sind wir anschließend gemeinsam weiter auf den Breiten Weg gezogen. Dort hatte damals nur die Eisdiele Twinbells geöffnet, alles andere war noch geschlossen.

Wir stellten die Musik an und plötzlich verwandelte sich der Breite Weg in eine kleine Tanzoase mitten in Halberstadt. Überall wurde Salsa getanzt und gelacht. Die Musik hallte zwischen den Häusern wider, Menschen blieben stehen, schauten zu und lächelten.

Für einen kurzen Augenblick fühlte sich der Breite Weg an wie ein großer lebendiger Platz irgendwo im Süden – voller Wärme, Leichtigkeit und Lebensfreude.

Ich erinnere mich noch genau daran, wie schön es war, diesen sonst oft leeren Ort einmal ganz anders zu erleben. Nicht als Einkaufsstraße, sondern als Treffpunkt für Menschen, Musik und gemeinsame Freude.

Und genau in diesem Moment wurde mir bewusst, wie wenig es manchmal braucht, um einen Ort mit Leben zu erfüllen: ein bisschen Musik, ein paar tanzende Menschen und das Gefühl, gemeinsam glücklich zu sein.

Bis heute denke ich daran zurück und bekomme sofort wieder ein Lächeln ins Gesicht. 

 

 

Lichter, Märchen und Mopedfahrten

von Christel Gierach

Wenn ich an den Breiten Weg zurückdenke, dann sehe ich sofort die Weihnachtszeit vor mir. Das muss ungefähr 1985 gewesen sein. Für mich hatte diese Zeit damals etwas ganz Magisches.

Entlang des Breiten Weges standen Märchenbuden – kleine Schaukästen mit liebevoll aufgebauten Märchenfiguren. Dort waren bekannte Geschichten dargestellt, und jedes Mal blieb ich davorstehen. Besonders abends, wenn die Lichter leuchteten und die ganze Straße festlich geschmückt war, wirkte alles wie eine kleine Weihnachtswelt mitten in Halberstadt.

Ich bin damals oft mit meinem Moped über den Breiten Weg gefahren. Dieses Gefühl von Freiheit, das bunte Leben in der Stadt gehören bis heute zu meinen schönsten Erinnerungen. Der Breite Weg war lebendig, voller Menschen, voller Licht und gerade zur Weihnachtszeit einfach etwas ganz Besonderes.

Sehr gern war ich auch im Stadtcafé. Dort herrschte immer eine gemütliche Atmosphäre. Besonders gut erinnere ich mich noch an die Kellnerin – ich glaube, sie hieß Frau Sawall. Sie gehörte für mich irgendwie genauso zum Stadtcafé dazu wie der Duft von Kaffee und Kuchen.

Wenn ich heute daran denke, spüre ich sofort wieder diese Wärme und Geborgenheit von damals. Es sind nicht die großen Ereignisse, die geblieben sind, sondern die vielen kleinen Momente: die Märchenbuden, das Mopedfahren über den Breiten Weg, ein Besuch im Stadtcafé und vertraute Gesichter.

Und genau diese Erinnerungen machen den Breiten Weg für mich bis heute zu einem ganz besonderen Ort.

 

 

Dörtes großer Auftritt

von Hannelore Beyer

Ich muss sofort an die Zeit denken, als ich unsere kleine Tochter Dörte morgens vom Hohen Weg zur Weingartenkrippe gebracht habe. Das muss etwa 1976 oder 1977 gewesen sein. Sie konnte damals gerade laufen und sprechen – und hatte natürlich schon ihren ganz eigenen Kopf.

Auf dem Weg kamen wir immer am Rolandkaufhaus vorbei. Gegenüber gab es eine Mauer, auf der Dörte jedes Mal unbedingt balancieren wollte. Ganz vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen, stolz wie eine kleine Seiltänzerin.

Und dann kam ihr großer Auftritt. Denn oben im Dachgeschoss des Rolandkaufhauses arbeitete ihre Oma bei der HO-Verwaltung. Sobald Dörte die richtige Stelle erreicht hatte, blieb sie stehen, schaute nach oben und rief mit ihrer kleinen Stimme laut: „Omaaa!“

Keine Minute später gingen oben die Fenster auf. Nicht nur eines – gleich mehrere. Die Kolleginnen ihrer Oma wussten offenbar längst Bescheid und schauten lachend hinaus. Es wurde gewunken, zurückgerufen und gestrahlt. Dörte winkte begeistert zurück, stolz, dass plötzlich alle nur ihretwegen aus den Fenstern schauten.

Für uns war das damals ein ganz normaler Morgen. Aber heute ist genau diese Erinnerung etwas ganz Besonderes geworden.

Der Breite Weg war ein Teil unseres Familienlebens – voller kleiner Rituale, vertrauter Gesichter und liebevoller Augenblicke, die bis heute im Herzen geblieben sind.

 

 

Kleine Gesten, große Erinnerungen

von Kerstin Rackwitz

Ich denke sofort an das „Bummi“ – und natürlich an die große Rutsche. Wie oft wir dort hoch- und runtergesaust sind, kann ich heute gar nicht mehr zählen. Für uns Kinder war das damals etwas ganz Besonderes. Dieses Kribbeln im Bauch, das Lachen und die Freude – das gehört bis heute zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen.

Aber ich erinnere mich nicht nur an das Spielen und Toben.

Vor dem Bummi standen damals oft viele Kinderwagen. Die Eltern gingen hinein, um für ihre Kinder einzukaufen, und die Babys warteten draußen. Wenn eines der Kleinen anfing zu weinen, bin ich oft hingegangen, habe den Nuckel wiedergegeben oder den Kinderwagen vorsichtig geschaukelt, bis sich das Baby beruhigt hatte.

Damals war das für mich ganz selbstverständlich. Heute merke ich, wie besonders diese Erinnerungen eigentlich sind. Sie erzählen von einer Zeit, in der man aufeinander geachtet hat, in der Kinder gemeinsam groß geworden sind und kleine Gesten ganz selbstverständlich zum Alltag gehörten.

Wenn ich an den Breiten Weg zurückdenke, dann erinnere ich mich nicht nur an Geschäfte oder Straßen. Ich erinnere mich an Wärme, an Geborgenheit und an dieses schöne Gefühl von Kindheit mitten in unserer Stadt.

Und vielleicht sind es genau diese kleinen Momente, die man niemals vergisst.

 

 

Sonntags gab es Käse-Sahne-Torte

von Susanne Marx

Mir fällt sofort das Stadtcafé ein. Für meine Schwester Bine und mich gehörte ein Besuch dort einfach dazu – fast wie ein festes Ritual nach dem Einkaufen.

Nachdem wir durch die Geschäfte gebummelt waren und natürlich überzeugt davon, viel zu viel Geld ausgegeben zu haben, steuerten wir schnurstracks das Stadtcafé an. Dort bestellten wir uns erst einmal unseren Kaffee – und dazu einen kleinen Weinbrand. Schließlich musste man sich von den „anstrengenden“ Einkäufen ja wieder erholen.

Wir saßen oft am Fenster, beobachteten das Treiben auf dem Breiten Weg und kommentierten mit großer Hingabe alles, was draußen vorbeilief. Eigentlich war das mindestens genauso unterhaltsam wie das Einkaufen selbst.

Mit jedem Schluck wurde die Stimmung fröhlicher, die Einkaufstüten plötzlich leichter und die Welt irgendwie ein kleines bisschen schöner. Und natürlich kamen wir regelmäßig zu dem Ergebnis, dass wir beim nächsten Mal wirklich nur „ganz kurz“ in die Stadt wollten – was selbstverständlich nie funktionierte.

Und sonntags gab es noch ein weiteres Highlight: Dann wurde aus dem Stadtcafé Käse-Sahne-Torte geholt. Allein daran denke ich heute noch mit einem Lächeln zurück. Diese Torte gehörte irgendwie genauso zum Leben dazu wie der Breite Weg selbst. Schon der Duft beim Abholen, die Vorfreude zu Hause und der erste cremige Bissen – das waren kleine Glücksmomente, die man nie vergisst.

Heute merke ich, dass es eigentlich nie nur um Kaffee, Weinbrand oder Torte ging. Es waren die gemeinsamen Stunden, das Lachen mit meiner Schwester und dieses besondere Lebensgefühl mitten in Halberstadt.

Der Breite Weg war eben nicht nur eine Einkaufsstraße. Für uns war er ein Stück Zuhause voller Genuss, Geschichten und wunderschöner Erinnerungen.

 

 

Über den Dächern des Breiten Wegs

von Rüdiger Stecklenberg

Als der Breite Weg damals umgebaut wurde und unser Betrieb den Auftrag für die Dachdeckerarbeiten an der Volksbank (1994) bekam, war die Freude groß. Für uns Handwerker war das natürlich ein besonderer Arbeitsplatz – mitten im Herzen von Halberstadt und direkt über dem bunten Leben der Stadt.

Vor allem in den Sommermonaten war auf dem Breiten Weg immer etwas los. Schon morgens konnten wir uns in den Pausen schnell etwas Leckeres zum Frühstück holen, denn die Geschäfte und kleinen Angebote lagen praktisch direkt vor unserer Nase. Unten herrschte reges Treiben, der Markt war gut besucht und überall begegnete man freundlichen Menschen.

Und natürlich entging uns von dort oben auch sonst nichts. Als junge Dachdecker hatten wir schließlich den besten Logenplatz der Stadt. Besonders wenn die Sommermode etwas luftiger ausfiel, musste man sich manchmal schon wieder daran erinnern, dass eigentlich Dächer gedeckt werden sollten. Das sorgte oben auf dem Gerüst nicht selten für Gelächter und den einen oder anderen freundschaftlichen Spruch unter den Kollegen.

Der Blick über den Breiten Weg war damals etwas ganz Besonderes. Von oben konnte man beobachten, wie Menschen sich begegneten, einkauften, lachten und durch die Stadt bummelten. Man hatte fast das Gefühl, ein kleines Stück über den Dingen zu stehen und gleichzeitig mitten im Leben zu sein.

Aber keine Sorge: Trotz aller Ablenkungen wurde der Auftrag natürlich fachgerecht und erfolgreich abgeschlossen – ganz so, wie es sich für ordentliche Dachdecker gehört.

Und vielleicht schaut man als Handwerker ohnehin mit einem besonderen Blick auf eine Straße wie den Breiten Weg: Man sieht nicht nur Häuser und Dächer, sondern die Geschichten darunter. Damals wie heute lebt dieser Ort von den Menschen, die ihn mit Leben füllen.

© Nicole Huhn E-Mail

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