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121 NS-Opfer erhalten einen Namen und eine Biografie – Botschaftsvertreter, Innenminister und Angehörige weihen Gedenkstele ein

[(c): Stadt Halberstadt/Pressestelle]

„Unter den millionenfachen Opfern - zu Tode gekommenen, zu Tode gequälten und ermordeten Menschen - gehören 121 Opfer, die hier ihre letzte Ruhestätte fanden, 71 Opfer aus Polen, 42 aus Italien und weitere 8 unbekannter Nationalität. Heute wollen wir als Stadt und Bürgergemeinschaft, die für Frieden und Völkerverständigung, für Humanismus und Toleranz einsteht, mit Ihnen gemeinsam den Opfern gedenken und Ehre erweisen.“, so die Worte von Andreas Henke, Oberbürgermeister der Stadt Halberstadt, am Sonntag auf dem Friedhof Halberstadt. 

Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar erfuhr in der Kreisstadt des Harzkreises in diesem Jahr eine besondere Beachtung. Stadtratspräsident Dr. Volker Bürger und Oberbürgermeister Andreas Henke empfingen an diesem Tag den Botschafter der Republik Polen, Prof. Andrzej Przylebski, den Generalkonsul der Republik Polen, Marcin Jakubowski, den Italienischer Botschafter, Luigi Mattiolo, den Italienischer Militärattaché General Danilo Morando und den Innenminister des Landes Sachsen-Anhalt, Holger Stahlknecht. Darüber hinaus nahmen Angehörige des Opfers Szczepan Mydlarz aus Polen an der Gedenkveranstaltung teil. Ebenso wurden Adam Siwek, Leiter der Büros für Gedenken an den Kampf und Martyrium bei dem Institut des Nationalen Gedenkens (IPN) in Warschau, und Anna Wicka (IPN) begrüßt. Anlass dieses gemeinsamen Gedenkens war die feierliche Übergabe der neu angelegten Begräbnisstätte für 121 polnische und italienische Opfer des 2. Weltkriegs auf dem städtischen Friedhof Halberstadt.

Zur Vorgeschichte: Im September 2015 schrieb Jercy Mydlarz aus Polen einen Brief an das Stadtarchiv Halberstadt. Er suchte Informationen zum Schicksals seines Vaters Szczepan Mydlarz, der aus Warschau in ein deutsches Konzentrationslager im Harz verbracht worden war. Seine Nachforschungen führen ihn nach Halberstadt. So war dieser Brief Ausgangspunkt umfangreicher Recherchen.  Szczepan Mydlarz wurde 1945 nach Halberstadt transportiert, wo er mit weiteren NS Opfern in einer Turnhalle am Reichbahnausbesserungswerk notdürftig untergebracht war. Es konnte weiterhin ermittelt werden, dass sich seine und die Überreste von weiteren 120 Menschen unter einer Rasenfläche auf dem Friedhof Halberstadt befanden, genau dort, wo am Sonntag mit Botschaftsvertretern aus Polen und Italien, Mitgliedern des Landtages, des Kreistages, des Stadtrates und Halberstädter Bürgern eine Gedenksäule, die mit den Namen der Opfer versehen ist, eingeweiht wurde.

Innenminister Holger Stahlknecht: „Die Grabanlage ist für die Angehörigen der 121 NS-Opfer ein Ort der Trauer und des Gedenkens. Zugleich ist sie aber auch ein Ort des Gedenkens für alle Opfer des Nationalsozialismus, denen im Namen des deutschen Volkes furchtbares Unrecht zugefügt wurde. Darüber hinaus ist sie eine Mahnung für uns alle heute. An diesem Ort kann man erkennen, wohin es führt, wenn die Demokratie beseitigt und die Menschen- und Freiheitsrechte mit Füßen getreten werden. Geschichte wiederholt sich nie exakt, doch die Kenntnis von unserer Geschichte kann uns motivieren, uns gegen antidemokratisches Denken und Fremdenfeindlichkeit zur Wehr zu setzen. Und sie muss uns zu der Einsicht führen, dass Menschenrechte unteilbar sind.“

Der Innenminister bedankte sich für die Unterstützung der italienischen und polnischen Botschaft. Ihre Kooperationsbereitschaft sei Basis für die Gestaltung dieser Grabstätte gewesen. Er dankte der Friedhofsverwaltung Halberstadt, dem Stadtarchiv und dem Steinmetz Renè Voß, der die Gedenkstele mit den Namen der hier Bestatten schuf.

Italiens Botschafter Luigi Mattiolo sagte, dass die Namen auf der Stele an eine Tragödie erinnern, die unseren Kontinent vor mehr als 70 Jahren erschüttert habe und deren nachwirkendes „Trauma mit zur Gründung der Europäischen Union führte“.

Prof. Andrzej Przylebski, Botschafter der Republik Polen, bedankte sich ebenfalls für die kooperative länderübergreifende Zusammenarbeit, die dazu führte, dass die 121 Opfer nicht namenlos geblieben sind: „Demut im Umgang mit der Geschichte des eigenen Landes und der eigenen Nation gehören zu den Tugenden, die wir alle pflegen sollten. Heute tun wir das.“

Die Einsegnung des Grabmals erfolgte durch Franziskanerpater Alfons. Die emotionale Gedenkstunde auf dem Friedhof Halberstadt wurde würdevoll durch die Chorgemeinschaft Halberstadt begleitet. Im Anschluss an die Kranzniederlegung trugen sich die Botschafter beider Länder, der Innenminister des Landes Sachsen-Anhalt und die Angehörigen des polnischen Opfers Szczepan Mydlarz in das Goldene Buch der Stadt Halberstadt ein.

FOTO:

Kranzniederlegung an der neu angelegten Begräbnisstätte, deren Gedenkstele die Namen von121 italienischen und polnischen NS-Opfern trägt: Prof. Andrzej Przylebski, Botschafter der Republik Polen (links), und der italienische Botschafter, Luigi Mattiolo, gedenken der Opfer.

(Foto: Ute Huch/Pressestelle/Stadt Halberstadt)

Stadtverwaltung Halberstadt / Pressestelle /29.01.2019

© Ute Huch E-Mail

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