Denk Ort - Ehemalige jüdische Mitbürger besuchten ihre einstige Heimatstadt
| Von Uwe Kraus |
Halberstadt. Judith Biran geht durch Halberstadt. Hier kam sie 1920 zur Welt. Judith Winter hieß sie damals und wurde von ihrem Vater Saul orthodox erzogen. Sie liebt diese Stadt, aus der sie vor 70 Jahren fliehen musste. Die kleine Frau, die am 4. November für eine Zeit nach Halberstadt zurückkehrte, steht vor den Resten der Barocksynagoge zwischen Juden- und Bakenstraße, deren strenge Festlichkeit sie schon als kleines Mädchen schwer beeindruckte. Auch wegen Justin Berliner, der als Kantor das Musikleben der Stadt einst prägte. Neben den bekannten von Kurt Weill organisierten Konzerten in der Halberstädter Berend-Lehmann-Loge, die zwar von der Presse ignoriert wurden, von denen es aber in Halberstadt einen Programmzettel gibt, feierte man auch Privatpartys mit den bekannten Komponisten.
Friedel Lasch, der aus der bekannten Halberstädter Handschuhmacher-Dynastie stammenden Gynäkologen, berichtet in seinen Erinnerungen, dass man sich dazu in einer Villa in der heutigen Halberstädter Friedenstraße traf. Das Musikprogramm gestaltete der damalige Kantor der jüdischen Gemeinde Justin Berliner gemeinsam mit Kurt Weill. Judith Biran hat in ihrer Geburtstadt wieder Freunde gefunden, von Ute und Michael spricht sie und trifft sich mit Jutta Dick, der Direktorin der Moses Mendelssohn Akademie, zu der auch das MuseumsKaffee Hirsch gehört. Sie besucht die Miriam Lundner-Schule, benannt nach der jüngsten Tochter des letzten Rektors der jüdischen Schule in Halberstadt, Jakow Halevi Lundner.
Sie wurde am 12. April 1942, an ihrem vierten Geburtstag, mit Eltern und ihren Geschwistern Isroel Josef, Schulamit, Eli, Rachel und Barbett deportiert und später ermordet. 1933 gab es 706 jüdische Bürger in Halberstadt, die Zahl ging bis 1939 auf 235 zurück, die letzten wurden am 12. April und 23. November 1942 deportiert.
Die Halberstädter Synagoge ist in ihren Grundrissen ab 20. November 2008 nach der Konzeption des Künstlers Olaf Wegewitz (Huy-Neinstedt) wieder erlebbar. Die Raumskulptur nennt Wegewitz "Denk-Ort - Und die Lebenden nehmen sich das zu Herzen". Durch das Areal führen nun Pfade, die ein ehrfurchtsvolles Schreiten ermöglichen. Die neuen Fliesen entstanden nach dem Vorbild der historischen Barockfliesen. Diese sei eine verbindende Form der Teilhabe. Die Fliesen wurden "betitelt" und mit Pflanzenmotiven versehen. Viele Bürger und Gäste der Stadt haben symbolisch eine Platte für den "Denk-Ort" auf dem Gelände der Synagogenruine erworben und nahmen trotz strömenden Regens an der Einweihung teil.
Am 20. November, auf den Tag genau 70 Jahre nachdem der von der Stadtverwaltung verfügte Abriss der Synagoge begann. Ministerpräsident Wolfgang Böhmer lobte Halberstadt und die hier beheimatete Moses Mendelssohn Akademie für ihr Engagement bei der Aufarbeitung der jüdischen Vergangenheit. Halberstadt stelle sich dieser Verantwortung und sei in den vergangenen Jahren zu einem anerkannten Lernort für jüdisches Leben und jüdische Kultur geworden, sagte er zum Gedenkakt anlässlich des 70. Jahrestags der Pogromnacht 1938.
Charlotte Knobloch, Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, erinnerte in strömenden Regen an die jüdischen Mitbürger, die ebenso in Regen und Sturm gestanden haben und dann deportiert wurden. "Sie konnten nicht in ihr warmes, trockenes Zuhause zurück." Sie hätte an dieser Stelle lieber eine Synagoge eingeweiht, aber vielleicht wird sich in künftigen Generationen hier wieder jüdisches Leben mit einer Gemeinde entwickeln.
Tief bewegt erlebten die Teilnehmer der Denk-Ort-Übergabe, wie der 80jährige Shimon Kowalski, der bis 1935 in Halberstadt lebte, das jüdische Totengebet Kaddisch sprach.
Weil Wegewitz biblische Pflanzen aus dem Alten Testament ansiedelte, entstand die Idee, auf die neuen Fliesen die hebräischen Namen von Akazie über Pappel, Rose, Schierling bis Wassermelone und Zwiebel zu verzeichnen. Die von Hand geformten Platten entstanden im Ziegelwerk Graupzig (Sachsen). Nur zu erahnen das Vorlesepult der Synagoge, und der Thoraschrein. 72 kreisrunde Vertiefungen erinnern an die Thorarollen, die die jüdische Gemeinde Halberstadt einst besaß.
Die Thorarollen flogen über die Altstadtstraßen als die Halberstädter Barocksynagoge in der Bakenstraße 56 am 9. November 1938, als überall in Deutschland jüdische Gotteshäuser und Geschäfte brannten, beschädigt wurde. Aus Angst um die historische Fachwerksubstanz in der Nachbarschaft steckte die antisemitische Meute die Synagoge jedoch nicht in Brand. Die jüdische Gemeinde musste sie auf Weisung der Halberstädter Baupolizei auf eigene Kosten abtragen. Hier und da erinnert heute auf dem Areal ein Mauerstück oder eine Bodenfliese an die vergangene Größe.
Judith Biran schwärmt von der wunderschönen Ausstattung der Synagoge, den herrlichen Leuchtern. Jutta Dick hält Fotos und Zeichnungen in den Händen, die diese Pracht belegen. Traurig sagt sie: "Nicht ein einziges Stück fand den Weg in unser Berend-Lehmann-Museum zurück."
Der Garten mit biblischen Pflanzen gleicht der Idee der Moses Mendelssohn Akademie: Das Judentum ist für viele Menschen so exotisch wie viele Bibelpflanzen. Wenn man genauer hinschaut, merkt man, wie viel man doch davon aus dem Alltag kennt. So sei die Bibel quasi das älteste botanische Lexikon. Die Pflanzen nehmen das Gelände nun in Besitz: ein selbst regulierender Mechanismus in der Natur, der einem Öko-Garten gleiche. Neue Pflanzen kommen hinzu, andere verschwinden irgendwann.
Jutta Dick, die Direktorin der Moses Mendelssohn Akademie, freute sich, dass 12 ehemalige Halberstädter jüdischen Glaubens und ihre Nachfahren ihrer Einladungen zu dieser Veranstaltung gefolgt sind, die in ganz spezieller Form an die Zerstörung der berühmten Barocksynagogen erinnerte. So kamen Lillyan Rosenberg und Micha Maor, Mitglieder der Familie Hirsch, die einst ein Metallimperium im Harz aufgebaut hat, und viele weitere ehemalige Halberstädter wie die 88jährige Judith Biran und die 90jährige Lea Kloppstock, eine Nachfahrin des Bankhauses Baer, in die Stadt ihrer Vorfahren reisten.
Sie alle lauschten am Abend des 20. November einem hochkarätigen Konzert mit Synagogalmusik. Andor Izsák, Professor am Europäischen Zentrum für Jüdische Musik der Hochschule für Musik und Theater Hannover, konzipierte dazu ein Programm, das sich an die Musiktradition der Halberstädter Synagoge anlehnt, die Judith Biran so liebt.






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